Manuellsen - Dear Christine



„Was nicht passt, das wird passend gemacht.“ Auch wenn dieser Spruch für viele nicht mehr als eine Ruhrpott-Floskel ist, beschreibt er doch ziemlich genau die Mentalität einer chronisch struggelnden Jugend in Deutschlands Ballungsgebiet Nr. 1. Eine Jugend, die Manuellsen wie kein Zweiter verkörpert. Der 1979 geborene Rapper war nie der Typ Mensch, der in schwierigen Zeiten auf seine Chancen wartete. Er kreierte sie lieber selbst. Diese Einstellung nahm die Kämpfernatur praktisch schon mit der Muttermilch auf: Seine mit ihm schwangere Mutter, eine politische Aktivistin, kämpfte sich über diverse Zwischenstationen von Ghana nach Deutschland durch, wo sie Manuellsen schließlich in Berlin Kreuzberg zur Welt brachte. Als ihr im darauffolgenden Jahr die Abschiebung drohte, entschied sie sich, den Sohn in einer Pflegefamilie unterzubringen, um zumindest ihrem Nachwuchs die Aussicht auf ein besseres Leben zu erhalten. Kurze Zeit später musste Manuell’s Mutter Deutschland verlassen. Obwohl sie seinen Pflegeeltern versicherte, zurückzukehren, sollte er seine leibliche Mutter nicht wieder sehen.

Aufgewachsen bei besagter Pflegefamilie in Mülheim an der Ruhr, sah Manuellsen die Musik schon früh als einzige Option. Sehr früh, um genau zu sein. So nutzte der MC mit der imposanten Erscheinung schon im Alter von 15 jede Gelegenheit, sein Talent auf Partys und in den Clubs der Umgebung unter Beweis zu stellen. „Ich konnte mir nie vorstellen, in einem Büro zu sitzen um Geld zu verdienen,“ erklärt er, „dementsprechend habe ich eigentlich von Anfang an alles auf eine Karte gesetzt.“

Mit Erfolg, die Nachricht vom übertalentierten Nachwuchs-Rapper verbreitete sich schließlich bis ins benachbarte Holland, wo er bereits mit siebzehn seinen ersten Deal unterschrieb und für diverse Acts als Ghostwriter arbeitete. Zwei Jahre lang pendelte der Mühlheimer zwischen Deutschland und Holland hin und her, und schon damals verzichtete er darauf, sich sprachlich festlegen zu lassen. „Ich habe zwar mit den englischen Lyrics mein Geld verdient, doch auch zu dieser Zeit schrieb ich schon an deutschen Texten,“ erinnert er sich. Ohnehin scheinen für ihn kaum sprachliche Barrieren zu existieren, Manuellsen spricht neben deutsch, englisch und holländisch auch türkisch und arabisch. Die zuletzt genannten Sprachkenntnisse verdankt er allerdings weder seiner Schulbildung noch einem exotischen Arbeitsplatz, sondern vielmehr seinem zweiten Zuhause, den Straßen Mülheims: „Ich bin hauptsächlich mit Türken, Arabern und Albanern groß geworden,“ erklärt er lachend. „Dementsprechend ist da über die Jahre das eine oder andere Wort hängen geblieben.“ Dass er sich trotz zumeist knapper Kassen nie zu tief in die verschiedenen Geschäfte seiner Jungs verwickelte, verdankt er vor allem der Liebe zu seiner Familie. „Wir alle haben immer irgendwie Geld gemacht, gehustlet, ganz normal. Deswegen würde ich mich jetzt aber nie als den Über-Gangster bezeichnen. Ich habe eigentlich stets versucht, mich aus dem Gröbsten rauszuhalten. Das Gleiche gilt für Drogen. Es hätte meiner Mutter das Herz gebrochen, mich irgendwie abstürzen zu sehen. Das wollte ich nie riskieren.“ Zumal er im Gegensatz zu vielen Freunden auch immer noch die Musik als Weg aus der von Hartz IV geprägten Hood sah.

Nachdem er 2004 mit seinem aus Ratingen stammenden Partner Ramsi Alliani einen Clubgig von Eko Fresh eröffnete, signte dieser ihn kurzerhand auf sein neugegründetes German Dream Label. Es folgte das „German Dream Allstars“ Album, auf dem der Mühlheimer das Land erstmals über die Grenzen des Potts hinaus aufhorchen ließ. Trotz komplett fertiggestellter EP und Soloalbum wartete Manuellsen danach jedoch vergeblich auf seine lange angekündigten Releases. Schließlich entschied der rastlose Rapper sich, die Zeit des Wartens zu beenden und German Dream hinter sich zu lassen.

Bereits sein Auftritt an der Seite von Ex-No-Angel Sandy beim Bundesvision Song Contest 2005 sollte dann die Weichen für einen Neuanfang stellen: Der an diesem Abend ebenfalls vertretene Samy Deluxe zeigte sich schwer beeindruckt von der Souveränität des Mühlheimer Newcomers. Nachdem man sich kurz darauf bei der Komet-Verleihung wiedertraf, lud Samy den Free Agent zu sich ins Hamburgs Finest Studio ein. Nach genau einem Killa-Feature (Manuellsen’s Part auf dem „Big Baus of the Nauf“-Mixtape) stand fest, dass die beiden von nun an gemeinsame Sache machen würden.

Ein halbes Jahr und einen Release beim befreundeten Label Shrazy Records später steht Manuellsen nun mit einem Deluxe-Album in den Startlöchern, das seinem geliebten Pott endlich die langverdiente Anerkennung verschaffen soll. Denn auch wenn die Straßen des Landes die neue Bewegung längst verzeichneten, die Industrie wartet noch immer auf die Übernahme aus dem Revier. „Weißt du, nach Leuten wie RAG und Creutzfeld und Jakob kam praktisch nichts mehr aus der Gegend,“ erklärt er. „Zwar gab es hier durchgehend krasse Rapper, den Hype aber hatten immer andere Städte. Genau das ändert sich jetzt.“ Neben dem im Ruhrgebiet ohnehin unumstrittenen Ercandize ist das vor allem „Ruhrpott Rider“ Manuellsen zu verdanken. Sei es Shotgun an der Seite seiner Homies Snaga und Pillath oder alleine, keiner verkörpert den Hustle der neuen Pott-Generation so wie er. Dass er dazu mit Snaga und Pillath einen neuen Standard in Battlekultur und Punchlinedichte setzen konnte, ist dabei schon fast Nebensache. Schließlich geht es ihm in erster Linie darum, das Lebensgefühl seiner Gegend wiederzugeben. „Die meisten Leute hier im Pott haben nicht viel, dementsprechend wissen wir auch die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Obwohl hier jeder darum kämpft, sich über Wasser zu halten, sind die Leute sehr warmherzig. Neben der Erziehung meiner Eltern hat mich vor allem dieses Umfeld geprägt.“

Eben diese Mischung aus bescheidenem Sohn und zu allem entschlossenem Hood-Representer macht es so schwer, den stimmgewaltigen Rapper zu kategorisieren. Ob er live von den untersten Rängen der Gesellschaft berichtet, durch den Club stolziert, sich an die Ladies wendet oder einfach nur die Straßen seiner Heimat repräsentiert: Manuellsen vereint alle Facetten des Games, und das auf höchstem Niveau. Die Tatsache, dass seine Gesangshooks auch noch so ziemlich jeden deutschen RB-Act in die Schranken verweisen, ist nur ein weiterer Beweis für das ungeheure Potential des Mülheimers.
Von der Elbe an die Ruhr, von Hamburg in den Pott: Deluxe Records ist stolz, der Nation sein neuestes Signing präsentieren zu dürfen.

Es brauchte zehn lange Jahre, um wirklich alles passend zu machen: Manuellsen ist bereit, seine Chance zu nutzen...
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